Image und Kultur in den Lateinamerikastudien

Einer der ersten Texte über den Menschen der Neuen Welt, die Sphera Mundi, beschreibt diesen wie folgt: Die Menschen sind von blauer Farbe und haben quadratische Köpfe.

Ausgehend von Vorstellungen wie diesen, entstand eine Bildwelt über Amerika, in der der Mensch und die Natur permanente Verfremdungen in bizarre und eigensinnige Formen erdulden mussten.

Während der Zeit, die ich Dank eines Stipendiums der Homboldt-Stiftung in Deutschland verbrachte, begann ich mit meinen Nachforschungen und Überlegungen genau zu diesem Thema, das meine kulturellen, akademischen und selbst meine politischen Auseinandersetzungen nachhaltig beeinflusste. Vorausgesetzt, man versteht Politik als Verantwortung, die wir Akademiker gegenüber der Gesellschaft haben.

Die Imagologie[S1] und die Kulturwissenschaften sind im Allgemeinen entscheidend dafür, die  Dimension des Anderseins zu erfassen und Identität zu definieren. Zwischen beiden Aspekten gibt es einen dialektischen Kontrapunkt, der, abhängig vom kulturellen Rahmen, die Idee des Eigenen und das Bild des Fremden, sowie die Interaktionen zwischen beiden bestimmt. Das ist jener Ort, an dem Abbildungen entstehen. Diese sind kaum als Synthese einer naturgetreuen Vorstellung zu verstehen, die ohnehin kaum erreichbar ist. Vielmehr gehen sie aus meiner individuellen Vorstellung vom Eigenen und vom Fremden hervor, der Ipseität und der Alterität. Deshalb sind Archetypen, Stereotypen, Metaphern und Metonymien Teil davon. Das ist der rhetorische Ort der multikulturellen Kommunikation.

In Abhängigkeit davon, wie wir diesen Ort gestalten, konfrontieren wir uns entweder mit

Huntingtons Clash of Civilizations oder aber wir bilden eine Allianz der Kulturen,

wie sie von der Europäischen Union beabsichtigt ist.

Aus diesem Anliegen heraus begab ich mich in die Keller einer Kölner Bibliothek, um dort  die Bilder über Amerika zusammenzustellen. Es handelt sich um eine zauberhafte Bibliothek, die nach dem Krieg zerstört danieder lag und deren Werk nahezu unkatalogisiert war: die Bibliothek von Maximilian Wied-Neuwied. Dieser reiste 1815 nach Brasilien, wo er drei Jahre lang die Natur der indigenen Stämme Amerikas studierte. Er war ein zäher Reisender, der schon 1830 nach Amerika zurückkehrte, diesmal in die Vereinigten Staaten, in Begleitung einer der größten Künstler des Far West: Karl Bodmer.

So begann ich Deutschland auf der Suche nach den deutschen Abbildern von Amerika zu bereisen; darüber hinaus konnte ich meinen Bilderkatalog mit Hilfe von Museen und Bibliotheken in Frankreich, Europa und Lateinamerika bereichern. In Berlin hatte ich das große Glück, vom Iberoamerikanischen Institut die Erlaubnis zu erhalten, die Sammlung Rugendas zu fotografieren. In dieser Sammlung und im Nationalmuseum hatten sich die Gemälde und Zeichnungen der Künstler erhalten, die Alexander von Humboldt auf seiner Lateinamerikareise begleitet hatten. Ich danke diesen Institutionen auf diesem Wege, mir diese Untersuchungen ermöglicht zu haben.

Methodologisch unterschied ich die verschiedenen Abbildungen nach ihrer Entstehungszeit, denn die Bilder veränderten sich in Europa in Abhängigkeit von der Darstellung des Fremden.  [S2]

Ich begann, wie bei diesem Vortrag auch, mit den fantastischen Darstellungen, die die Wiedergabe Amerikas in Europa während der ersten Jahrhunderte der Kolonialisierung dominierte, ohne dass sie im Übrigen in der heutigen Zeit komplett verschwunden ist.

Ein Großteil der Grafiken, die diese Vorstellung generierten, entstanden in deutschen Werkstätten. Die wichtigsten sind die des Theodoro de Bry, die am Ende des sechzehnten  Jahrhunderts und zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts angefertigt worden sind. Die Drucke zeigen ein Amerika, das von halbmenschlichen Wesen bevölkert ist:

Bei jenen Wesen zitterte Gott ein wenig die Hand, als er sie erschuf, vermerkte der Dominikaner Anontio de la Huerta 1547. Darüber hinaus erzählen dieser Drucke von der indigenen Barbarei, die sich in zwei bezeichnenden Charakteristiken niederschlug: der Nacktheit und dem Kannibalismus. Der Leitfaden dieser Serie wird von einer kulturellen und politischen Idee getragen: der “leyenda negra“. Sie zeigen die Grausamkeit und die Übergriffe, die von den Spaniern im angenommenen Westindien verübt wurden. Eine zweifache Absicht verbarg sich dahinter: Zum einen wandte sie sich gegen den Titel der spanischen Herrschaft, der unter der Mission der Befriedung und Evangelisierung vergeben  wurde. Zum anderen wird hier eine Kritik des Protestantismus am Katholizismus in einer Zeit deutlich, als die Reformation an allen Fronten gegen das Papsttum kämpfte.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammen die ersten Abbildungen von Amerika von einem conquistador aus Extremadura, einem deutschen Künstler sowie einem spanischen Mönch: Cortés, Dürer und Pater Acosta. Auch Las Casas darf an dieser Stelle nicht vergessen werden. Aber in diesem Fall gebe ich seiner Rolle als ersten großen Verteidiger der Menschenrechte den Vorrang.

In seiner Historia natural y moral de las Indias von 1590 verfasste Pater Acosta ein monumentales Werk über die Naturgeschichte und das Brauchtum der indigenen Völker. Es handelt sich dabei um ein herausragendes Beispiel der Kulturanthropologie.

Zu einem früheren Zeitpunkt hatte Cortés bereits, der tief beeindruckt war von der mexikanischen Hochkultur, die denkwürdigen Briefe an Karl den fünften von Deutschland und Karl dem ersten von Spanien veröffentlicht. Niemand hat je ein lebendigeres Bild von der Kultur und dem Alltagsleben der Azteken entworfen, besonders hinsichtlich der Beschreibung des Marktwesens[S3]. Dürer musste Cortés gelesen haben. Denn, wie ich eher zufällig entdeckte, stammt der Plan von Tenochtitlán, den die Ausgabe zum epistolografischen Werk Dürers schmückt, aus der Hand Dürers selbst. Er bestätigte die Autorenschaft dieser Grafik in seinem Traktat Ettliche underricht, zu befestigung der Stett, Schloß und flecken”, das 1527 in Nürnberg gedruckt wurde. In Amsterdam hatte er darüber hinaus die Möglichkeit, die erste Ausstellung mit skulptierten und geschnitzten Werken, sowie Schmuck und Objekten der Azteken zu bewundern. Als der große Künstler, der Dürer war, erkannte er die hohe Kunst dieser Stücke an. Seine Eindrücke hielt er im Tagebuch der Reise in die Niederlande fest:

„Auch habe ich gesehen die Ding, die man aus dem neuen gulden Land gebracht: … Dann habe ich darin gesehen, wunderliche künstliche Ding und ich habe mich gewundert der subtilen Ingenia der Menschen in fremden Landen.“[1]

Vier Jahrhunderte mussten vergehen bis Picasso und die Deutschen Expressionisten die Formen dieser Kunst zu neuem Leben erweckten. Dadurch erhielt sie erneut die verdiente Anerkennung gegenüber den klassischen Konzepten einer lange vorherrschenden eurozentristischen Ästhetik, die unter Johann Joachim Winckelmann im 18. Jahrhundert entwickelt wurde. Auch der extreme Nationalsozialismus, erbaut auf dem arischen Mythos, trug die Werke, die von einer außereuropäischen Ästhetik inspiriert waren und zur „Entarteten Kunst“ deklariert wurden, zum Scheiterhaufen.

Im 18. Jahrhundert verfasste Corneille de Pauw mit seiner Recherche philosophiques sur les Américains, die in Berlin auf 1768 datiert wurde[S4], eine kulturelle Schmähschrift, die zugleich das Bild einer tellurischen Erniedrigung des Neuen Kontinents verbreitete. Er formulierte die These des Amerikaners mit degeneriertem Äußeren und unterentwickeltem Intellekt. Darüber hinaus behauptete er, dass im Menschen der Neuen Welt der Wille und die Kraft verloren gegangen seien, die Art zu erhalten. Über das Bildungswesen schrieb er vor lauter Übertreibung schon wieder in einer Weise, dass es als geistreich zu bezeichnen ist. Er vermerkte, dass es in Cuzco eine Art Universität gäbe, „in der gewisse unwissende Titelträger, die weder des Lesens noch des Schreibens mächtig waren, anderen Unwissenden Philosophie lehrten, die wiederum noch nicht einmal sprechen konnten.“ Die Jesuiten, die damals im europäischen Exil landeten, weil sich ihr Orden 1773 auflösen musste, fühlten sich zur Antwort verpflichtet. Sie entlarvten die Lügen über die Fauna und Geografie und verteidigten die kulturelle Identität des Kontinents. Später unterschied Hegel zwischen Nord- und Südamerika und schrieb das negative Bild der spanischen und portugiesischen Wahrnehmung zu.

Um de Pauw angemessen zu antworten, überdachten die Jesuiten die Bedeutung der   Zivilisation. Diesmal wurde sie nicht als Akt der göttlichen Vorsehung interpretiert, sondern als historisches Phänomen, als Produkt von Evolution. Der Moment war günstig, denn die Aufklärung war gerade dabei, den Umgang mit der eigenen Geschichte zu verändern.

Von einer Geschichte der Vorsehung, deren Ursache dem Wille Gottes unterlag zu einer Geschichte der Zivilisation, deren Kraft im Fortschritt lag. Die Jesuiten, die sich auf diese  innovativen Gedanken stützten, reichten nicht nur den historischen Konzepten Vicos damit die Hand, sondern vor allem Herder. Mit ihm verband sie die Vorstellung, dass das gesamte Universum vom Standpunkt der historischen Entwicklung aus zu erklären sei. Der jesuitische Abt Molina beschrieb in seiner Saggie sulla storia civile del Chili die Evolution der menschlichen Spezies. Diese entwickelte sich ausgehend von den Notwendigkeiten, die durch die Lebensweise bestimmt wurde, passierte mehrere Etappen, welche von unterschiedlichen Kulturebenen und Formwechseln gekennzeichnet waren, um schließlich zu einer Gesellschaft zu gelangen, die auf Verstand und Gerechtigkeit basiert. Der Abt platzierte die Chilenen in das mittlere “Stadium zwischen Wilden und Bürger, das wir Barbarei nennen.“ Aber in diesem Stadium, so betont er, besäßen sie große Tugenden und außergewöhnliche Qualitäten, unter ihnen das Streben nach Freiheit und die „Treue zu den Vereinbarungen“. Molina entwickelte sich, gemeinsam mit anderen Jesuiten, zu einer Referenz für das Verständnis der amerikanischen Kultur. In Deutschland wurde Molina,  kurz nachdem die Übersetzung von Saggie sulla storia naturale[2] erschien, von Kant zitiert,  und als Humboldt nach Bolivien reiste, versuchte dieser ihn zu besuchen.[3]

Alexander v. Humboldt veränderte die Wahrnehmung Lateinamerikas grundlegend. Bis dahin hatte man den Neuen Kontinent durch das Prisma des puren Eurozentrismus betrachtet, der nicht nur seine eigenen Kulturstandards als den höchsten Grad der Perfektion ansah, sondern auch seine Natur. Humboldt lehnt das Europäische als alleingültigen Maßstab ab. Er unterstreicht, dass jede Gesellschaft oder Nation ihren spezifischen Charakter hat und wendet sich gegen die kategorische Unterscheidung zwischen unzivilisierten, barbarischen und zivilisierten Nationen. Humboldt vertritt ein wissenschaftlich-künstlerisches Amerikabild, welches Wissenschaft und emotionalen Zugang vereint, in dem amerikanische die Natur und Kultur wertschätzt. Ohne Zweifel steht Humboldt für den Geist seiner Epoche, die ideologischen Transformationen, mit welchen man auf dem Weg vom Neoklassizismus zur Romantik experimentiert. Der Übergang von einer taxonomischen Abbildung der Wirklichkeit hin zu einer bildlich-ökologischen, einer ganzheitlichen wie wir heute sagen würden. Niemand verstand wie er die amerikanische Lebenswirklichkeit.

Die romantische Auffassung von der Natur begleitet Wissenschaft und Kunst. Humboldt ging bei der Beschreibung des Lokalen Naturcharakters von einem Totaleindruck, wie er es selbst nannte, aus. Es erlaubt ihm, die Einheit in der Vielheit zu erkennen, das Eigene Amerikas wahrzunehmen und somit die Grundlagen seiner Identität zu verstehen. Aus diesem Grund kann man Humboldt zu Recht als den zweiten Entdecker Amerikas bezeichnen. Sein Geist durchdringt nicht nur seine Arbeit, sondern verbreitet sich auch in Amerika und Europa unter Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern. Die Künstler, die er zu Amerikareisen motivierte, Rugedas bereiste ganz Amerika, Nebel Mexiko, Bellermann Venezuela und Hildebrandt Brasilien, sind die bedeutendsten Komponisten eines neuen, republikanischen Amerikabildes, welches sie erforschen und entdecken, indem sie sich in den Alltag integrieren. Ich bin schon seit langem einen Essay über den Einfluss Humboldts auf die hispanoamerikanische Literatur der Romantik und seine Bedeutung für die Ausbildung eines Nationalgefühls schuldig.

Sei dem 19. Jahrhundert zeigt die deutsche Kultur beachtliche Auswirkungen auf die Ausbildung lateinamerikanischer Akademiker und Intellektueller, schon genannt wurden die Vorgänger: Kant, Herder und Hegel. Im 19. Jahrhundert sind es die Romantiker. Im 20. Jahrhundert befruchtet deutsches Denken das amerikanische, eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Disziplinen: der historische Positivismus mit Ranke, die Kunstgeschichte mit Burckhardt, die historische Sozialforschung mit Simmel. Der philosophische Einfluss setzt sich durch Nietzsche fort, wenn er auch nicht die Schwelle zum 20. Jahrhundert überschreitet. Husserl, Scheller, Cassirer und Heidegger werden durch die Zeitschrift Revista de Occidente bekannt gemacht, eine der einflussreichsten Publikationen, die in der spanischsprachigen Welt zirkulierte, getragen von der Leidenschaft Ortega y Gassets für das deutsche Denken. Nicht zu vergessen sind natürlich weder in der Sozialwissenschaft noch in der Politik Marx und Engels, ebenso wenig die Frankfurter Schule als jüngstes Beispiel. In Teilen war auch die historische Morphologie eines Oswald Sprengler von Bedeutung. Sein Zivilisations- und Dekadenzbegriff ermöglichten zahlreiche Interpretationen, die in der Politik und Geopolitik im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts von großem Einfluss waren.

Die Beziehungen zwischen Europa und Amerika waren schon immer vom Spiel der Bilder durchdrungen, Repräsentationen, die das Kulturelle harmonisieren, indem das Verständnis und den gegenseitigen Respekt fördern oder im anderen Fall blockieren.

Aus kultureller Sicht gesprochen müssen sich sowohl Amerika als auch Deutschland der Repräsentation stellen. Grundlegend für den zivilisatorischen Dialog ist es zu wissen, in welchen Bereichen und in welcher Form das deutsche Denken in der amerikanischen Kultur verankert ist und wie sich das deutsche Amerikabild geformt hat. Es gibt Bilder, die die Erkenntnis behindern, Bilder, die eine Kultur auflösen muss. Nur so können die Türen für die Anerkennung der Kreativität des Anderen aufgestoßen werden. Das Wissen vom Anderen ist nicht nur für das Entdecken ferner Kulturen unerlässlich, sondern ebenso für die Wahrnehmung der eigenen Kultur. Ich selbst entdeckte Lateinamerika in Deutschland. Bevor ich in Köln ankam interessierte ich mich ausschließlich für europäische Kunst und homerische Texte. Erst hier begriff ich, welche Bedeutung das Wissen um meine Wirklichkeit hat und erkannte die darin enthaltene intellektuelle und moralische Verpflichtung. Aus diesem Grund glaube ich, dass der akademische Austausch, das Reisen nicht nur für das Kennen lernen des Anderen unerlässlich sind. Es ist auch für das Verständnis, welchen Platz wir in der Welt einnehmen und wie wir unsere Wertvorstellungen im Sinne einer humanistischen, planetaren Ethik harmonisieren unumgänglich. Um Vorurteile über fremde Kulturen abzubauen wurde hier in Dresden vor einigen Jahren unter dem Motto „Geschichte der Vorurteile“ eine Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum veranstaltet. Eine Ausstellung die ich gern besucht hätte. Das Stereotyp, das karikatureske Image und im Besonderen das pejorative können nur durch die Kulturstudien und  Kulturwissenschaft korrigiert werden. Die entscheidende Frage liegt in der Suche nach einer Allianz der Kulturen.

Von einem kulturellen Standpunkt aus betrachtet ist die lateinamerikanische Auseinandersetzung mit dem deutschen Denken nicht nur formbildend, sondern essentiell für die Bilder, die wir entwickeln und für das Vertrauen, das sie uns einflössen. Es ist das Wissen vom Anderen, auf dessen Grundlage wir sein Abbild gestalten. Aus dem Verständnis, das wir ihm entgegenbringen, erwächst mehr oder weniger Vertrauen. Kultur ist mehr als Sprache. Wir Hispanoamerikaner teilen mit Spanien die Sprache. Trotzdem stellt eine Studie der UN Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL)[4] fest, dass die bedeutende Zunahme spanischer Investitionen in Lateinamerika mit großem Misstrauen und als Neokolonialismus betrachtet wird, solange diese nicht von einer entsprechenden Kulturpolitik begleitet werden.

Das Bild vom Anderen wird innerhalb der Kultur entwickelt und stellt einen Grundpfeiler der interkulturellen Beziehungen dar. Kultur ist für das Voranschreiten in einer globalisierten Welt unerlässlich, einschließlich für die Handelspolitik. Eine persönliche Anekdote soll das unterstreichen: Vor einigen Jahren entsandte mich die UNESCO nach Washington. Ich sollte an einem Austausch zwischen Akademikern und Unternehmern teilnehmen. In diesem Rahmen wurde die Bedeutung der Kulturkenntnis für die Entwicklungen von Handelsbeziehungen unterstrichen. Als Beispiel diente eine französische Werbekampagne für Cognac in Japan. Man bewarb ihn als einen alten Branntwein, in Kellern gehütet. Zwei völlig negative Konzepte aus japanischer Sicht. Die Kampagne war ein Fiasko.

Für die öffentlichen Universitäten Lateinamerikas war die Gründung der Universität Berlin unter Wilhelm v. Humboldt von besonderer Bedeutung. Seine Philosophie inspiriert bis heute in vielen Ländern die Idee von einer öffentlichen, nationalen Universität. Seine Vision war die einer humanistischen Universität, welche den Erwerb von Fachkönnen und Fertigkeiten mit der philosophischen und kulturellen Bildung in Einklang brachte. Für Wilhelm v. Humboldt wäre es das Schlimmste für eine Universität, sollte sie sich in eine „Berufsschule“ verwandeln.

Man kann nicht aufhören das Konzept einer Universität, wie es uns durch die so genannte Ökonomie des Wissens suggeriert wird, mit Furcht zu betrachten. Ein Konzept, in dem das Studium anhand seiner Rentabilität gemessen wird und das die Streichung oder Zusammenlegung weniger rentabler Studiengänge vorsieht. In Spanien schlägt man vor, all jene Studiengänge aufzulösen, die weniger als 70 Neueinschreibungen pro Jahr aufweisen. So schickt sich das Schwert des Marktes an, die Geisteswissenschaften zu enthaupten, ebenso alles, was nicht zu einer Anwendbarkeit führt. Es ist das Konzept der Rentabilität, das hier im Spiel ist und das die Universität einer Ökonomie des Wissens von der einer Wissensgesellschaft unterscheidet. Ohne Geisteswissenschaften ist es sehr schwierig, dass eine humane Universität entsteht. Die Geisteswissenschaften als Disziplin und als Kulturgut bilden die lebensnotwendige Basis für die Reproduktion der Gesellschaft an sich und für den Bau der unerlässlichen Brücke, die uns den Austausch mit anderen Kulturen erlaubt. In diesem Sinne ist die Technische Universität Dresden ein Beispiel für kulturelle Breite und von unvergleichlichem Wert. Es ist deutschlandweit die einzige mit den drei Säulen: Literatur, Sprache und Kultur, jede Säule vertreten durch einen Lehrstuhl. Hoffen wir, dass die Unvernunft des Marktes sie nicht ihrer Einzigartigkeit beraubt. Und wie könnte man auch nur die Neuen Geisteswissenschaften aus den Hörsälen der Universitäten verbannen, da sie als Zusammenschluss der Kommunikationsmedien so entschieden in der modernen Gesellschaft zu intervenieren wissen? Die modernen Geisteswissenschaften sind das Resultat der neuen Technologien und Prägestempel der Globalisierung.

Ohne Geisteswissenschaften gibt es keinen Humanismus und nur unter Schwierigkeit können wir eine Kultur des Friedens entwickeln, wie es heute der ethischen Verantwortung der Universität entspricht. Kant sagte, dass der Frieden der menschlichen Natur nicht innewohne, dass man ihn anlegen müsse. Das heißt, man muss im Sinne einer Kultur des Friedens erziehen. Es ist möglich, dass die ökonomistische Vision der Universität in Erwägung ziehen könnte, dass ein Lehrstuhl für Kultur aus marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht rentabel ist. Für die Bewahrung der Menschheit ist er es jedoch sehr wohl.

[1] Albrecht Dürer: Tagebuch der Reise in die Niederlande (1520), Leipzig, 1914, p. 25.

[2] Akad. Ausgabe. Vol. XIV, p. 634; citado por Antonello Gerbi; La Disputa del Nuevo Mundo, F.C.E., 1960, p. 193.

[3] Storia Naturale, 2ª ed., p. 225.

[4] Ausländische Investitionen in Lateinamerika und der Karibik. Bericht der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und dieKaribik und der Weltbank. Januar 2000.

[S1]Oder: Das Studium des Fremdbilds

[S2]Könnte es sein, dass hier ein Stück fehlt?

[S3]Mercado, besser Handel?

[S4]Fecha en Berlín, 1768,